Suppenküche in Moldawien


Wir wollen für die Menschen da sein

Eingepackt in mehrere Pullover, der Kopf mit einem Schal bedeckt sitzt Lidia Klezenko in ihrem kleinen Zimmer in dem Dorf Vladimirovca in Transnistrien, im Osten von Moldawien, und wartet. Den Boden bedeckt ein kaputter PVC-Belag, handgewebte Decken liegen auf dem Bett und in der Ecke steht ein Holzofen. Lidias Mann ist vor 14 Jahren verstorben, Kinder hat sie keine. Seitdem Lidia vor drei Jahren erblindete, ist ihr Alltag eine Herausforderung. „Das Leben fällt mir sehr schwer“, sagt die 76-Jährige. Umso dankbarer ist sie, dass eine Krankenschwester mehrmals in der Woche kommt. Augentropfen, Blutdruckmessen, aber auch mal Wasser aus dem Brunnen holen oder Wäsche zum Waschen mitnehmen – und dafür muss sie nicht einmal zahlen. Von der geringen Rente bleibt ohnehin kaum etwas. Und das, obwohl sie das ganze Leben in der Kolchose gearbeitet hat.

„Med-Zentrum“, nennt Pater Ruslan Pogrebnii SCJ das Projekt, das auch die abgelegenen Dörfer seiner Gemeinde erreicht. Drei Krankenschwestern versorgen hier fünf Ortschaften. In Transnistrien, das zu den ärmsten Regionen in Europa zählt, ist das soziale Netz nur grobmaschig und die medizinische Versorgung auf dem Stand eines Entwicklungslandes. Da ist die Hilfe der Pfarrei St. Kajetan für viele Bewohner lebenswichtig. „Wir wollen für die Menschen da zu sein, und das auch eben auch außerhalb des Kirchengebäudes“, sagt Pater Ruslan. Und so gehört nicht nur die ambulante Krankenpflege des Med-Zentrums zur katholischen Gemeinde in dem am Dnister gelegenen Rashkovo. Täglich werden rund 100 Kinder in der Suppenküche gespeist und Schulkinder aus bedürftigen Familien erhalten hier Hausaufgaben- und Nachmittagsbetreuung.

Arbeitslosigkeit und Migration als große Probleme

Eine von ihnen ist Karolina. Die 10-Jährige geht in die 4. Klasse und in der Schule mag sie besonders Englisch. Sie wohnt in Rashkov und isst täglich in der Suppenküche der Gemeinde, hinterher ist sie oft in einer der Handarbeitsgruppen. „Ich mag es hier. Hier lernen wir Dinge, die es nicht in der Schule gibt“, sagt das Mädchen. Ihre Mutter arbeitet nicht, ihr Vater hat nur Gelegenheitsjobs. Schlechte Jobs, Arbeitslosigkeit und ein massiver Wegzug von jungen Menschen – Pater Ruslan zählt das zu den wichtigsten Problemen in Rashkov. „Noch vor zehn Jahren hatte der Ort 3500 Einwohner, heute sind es 1700“, verbildlicht der Ordensmann. Wobei das Migrationsproblem nicht nur in Rashkov besteht.

Transnistrien ging 1990 im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion durch eine einseitige Abspaltung von Moldawien hervor. International wird das Land jedoch nicht anerkannt, auch nicht von Russland, das wie eine Art Schutzmacht fungiert und „Friedenstruppen“ vor Ort stationierte. Wohlstand brachte das aber keinen, eher im Gegenteil. Die Region gilt als ein „Museum des Kommunismus“, wo nicht nur die Leninstatuen auf den Straßen konserviert wurden, sondern auch die einfachen Lebensverhältnisse, die schlechte medizinische Versorgung und die niedrige Alterserwartung aus der Sowjetzeit. Und das, obwohl die Böden sehr fruchtbar sind, der Wein aus der Region immer schon ein Exportschlager war und früher viel Schwerindustrie hier bestand.

Heute liegt viel brach. Und an den Ruinen der Schwerindustrie, aber auch einer Patrouille der russischen „Friedenstruppen“ fährt Pater Piotr Kuszman SCJ immer wieder vorbei, wenn er aus der Hauptstadt Tiraspol in die Zweitgrößte und benachbarte Stadt Bender fährt. Der Leiter des Distrikts Transnistrien der Herz-Jesu-Priester ist viel beschäftigt: Ähnlich wie in Rashkov gibt es auch in den anderen Pfarreien der Herz-Jesu-Priester, in Sloboda-Rashkov, Rybniza, Bender und Pater Piotrs Gemeinde in Tiraspol eine Suppenküche und Nachmittagsbetreuung für bedürftige Kinder und eine ambulanten Krankenpflege. In Tiraspol stellt die Gemeinschaft zudem Studenten aus den entfernten Pfarreien Unterkünfte während des Semesters zur Verfügung.

Deutsche Hilfe macht viel möglich

Ermöglicht wird die Arbeit der neun Herz-Jesu-Patres an fünf Standorten gerade auch durch Wohltäter aus Deutschland. Die Missionsprokura der deutschen Provinz der Dehonianer konnte allein in den letzten fünf Jahren über 650.000 Euro aus Spendengeldern für die Projekte in dem postsowjetischen Raum zur Verfügung stellen. „Wir sind den Menschen in Deutschland sehr dankbar, sagt Pater Piotr. „Ohne die Unterstützung wäre unsere Arbeit hier nicht in diesem Maße möglich.“ Die Arbeit hier in Transnistrien vergleicht er kaum noch mit der in seinem Heimatland Polen. 1994 kam er aus einer Gemeinde mit 26.000 Katholiken hierher in das Land, wo nur 0,5 Prozent der Menschen katholischen Glaubens sind.

Als er anfangs mit 13 Menschen sonntags den Gottesdienst feierte, da stellte sich Pater Piotr die Frage, ob er dieser Art „Mission“ gewachsen sei. „Geholfen hat mir die Vorstellung, dass Jesus für jeden einzelnen sein Leben gab.“ Und mit der Zeit entdeckte der Ordensmann bemerkenswerte Facetten dieser extremen Diaspora im Osten Europas. „Hier kann man Heiligen unserer Zeit erleben“, beschreibt es der 52-jährige Pater. Das seien Menschen, die trotz der kirchenfeindlichen Zeit des Kommunismus ihren Glauben an Gott bewahrt haben und sich oft im Stillen versammelten. Denn überall im Land ließ die Sowjetmacht die Kirchen schließen und Gotteshäuser abreißen. Nur in Rashkov überstand das Kirchengebäude diese Zeit, und zwar nur, weil es als Lager genutzt wurde. Denn Glaubensausübung war vor der Wende kaum möglich.

Wachsende Gemeinden und mehrere Berufungen

Und so bauen die Gemeinschaft im Auftrag des Bistums Chisinau derzeit noch drei Gotteshäuser. „Geht zu den Menschen hat unser Ordensgründer gesagt. Das versuchen wir mit unserer karitativen Tätigkeit soweit es geht nachzuleben“, sagt Pater Piotr. „Aber Gemeinden selbst brauchen auch einen Ort zum Leben.“ So seien die kleinen Kirchen nicht nur Zentrum des Lebens der Pfarreien, sondern auch der sozialen Werke der Gemeinschaften. Etwa in Tiraspol, wo im Pfarrgarten das „Med-Zentrum“ und einige Studentenwohnungen in ehemaligen Garagen Platzgefunden haben. Oder im 120 Kilometer nördlich von Tiraspol liegenden Ort Rybniza, wo sich die Suppenküche und Hausaufgabenbetreuung direkt unter dem Kirchengebäude befindet. Die Kirchen selbst gelten auch äußere Zeichen für die meist orthodoxen Nachbarn, dass unter ihnen auch katholische Christen leben.

Mittlerweile kommen zu Pater Piotrs Sonntagsmesse auch mehr als 13 Menschen und die Gemeinden sind nicht nur langsam gewachsen, sondern haben auch mehrere Berufungen hervorgebracht. Mehrere Ordensleute und Diözesanpriester kommen aus Transnistrien und sind in ihrer Heimat oder in anderen Ländern tätig. Ist das eine Frucht der Arbeit der Dehonianer in dem postsowjetischen Staat? Pater Kuszman lächelt. Bei all den karitativen Projekten, der Arbeit mit bedürftigen Menschen und des Aufbaus der Gemeinden bleibt tatsächlich auch Zeit für den wesentlichen Teil des Priesterseins: Spiritualität und Pastoral. Und was die Pastoral angeht, so liegt sie in dem Landstrich, der flächenmäßig größer ist als Luxemburg, ganz in den Händen der Herz-Jesu-Priester. Und für manche Menschen, wie die erblindete Lidia Klezenko in dem Dorf Vladimirovca, ist auch die Gesundheitsversorgung ganz in den Händen der Herz-Jesu-Priester.

Die Reportage von Markus Nowak ist erschien in unserem Ordensmagazin "Dein Reich komme" 2016

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