Pater Tertünte in Venezuela: „Die Freude lassen wir uns nicht nehmen!“ TEIL 1

Pater Stefan Tertünte war vor einigen Monaten zwei Wochen in Venezuela und berichtet in einer Serie über seine Erfahrungen in dem Land, wo auch die Herz-Jesu-Priester tätig sind.

Die nächtliche Ankunft in unserem Stadtteil ist bezeichnend für die Situation. Nächtlich heißt in diesem Fall schlicht, dass es dunkel ist, hier ist das in Äquatornähe bereits regelmäßig bald nach 6 Uhr abends der Fall. Auf der Schnellstraße vom Flughafen weg fahren wir zügig durch die Stadt, von der wenig zu sehen ist. Dass sie über 4 Millionen Einwohner hat, ist ihr zu diesem Zeitpunkt kaum anzusehen. Unser Stadtteil liegt eher am Stadtrand, an einem der zahlreichen Hügel Caracas. Der Name des Stadtteil „Cementerio“ – „Friedhof“, nach einem der größten Friedhöfe Caracas benannt.

Wir biegen von der Schnellstraße ab, es ist – 21 Uhr – kaum mehr Verkehr. Bevor wir endgültig auf die Straße, die in unseren Stadtteil hineinführt, abbiegen, wird im Dunkeln eine sehr eindrucksvolle Polizeistation deutlich, an der die Zufahrt kontrolliert wird. Ca. 10 mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten schälen sich aus dem Dunkel. Carlos Luis  macht das Licht im Auto an, „damit sie gleich wissen, dass wir harmlos sind“. Nach der Kontrolle fahren wir durch die absolut menschenleeren Straßen unseres Stadtteils, einzig zwei Polizeipatrouillen per Motorrad kommen uns entgegen. Zuguterletzt sind dann, auf der Hauptstraße vor unserem Haus, drei, vier Menschen zu sehen. Gespenstisch das Ganze. Nach Einbruch der Dunkelheit ist es offensichtlich besser, nicht mehr das Haus zu verlassen. Der Stadtteil hat einen üblen Ruf – und eine entsprechende Kriminalitätsrate, die sich schwer in Worte fassen lässt. In einer Hauptstadt, die einen traurigen Weltrekord in Sachen Morddelikte hält. In den nächsten Tagen werde ich, zum Teil ohne es zu ahnen, Kriminellen und Mördern die Hände schütteln oder sie gar zur Begrüßung umarmen. „Malandros“ nennt man hier die Kriminellen, die in der Regel einer Bande angehören, die sich ihr Geld durch Schutzgelder, Einbrüche, Diebstahl und Entführungen verdienen – und durch Morde. Und damit wird sehr früh begonnen. Als ich an einem der nächsten Tage mit Carlos Luis tagsüber ein paar Minuten auf dem ‚Boulevard‘ vor unserem Haus eine Runde drehe, begegnen wir einem 15jährigen, der Carlos herzlich umarmt, mir freundlich die Hand schüttelt. Wie fast alle hier im Viertel ist er durch den Kommunionunterricht und zum Teil auch durch die Firmvorbereitung bei den Herz-Jesu-Priestern gegangen. Nun jedoch ist er bereits fest in der Szene der Malandros etabliert, seine Pistole kann er nicht wirklich verstecken – oder will es nicht. Carlos spricht mit ihm wie mit einem Freund, lächelt ihn an, klopft ihm aufmunternd auf die Schulter. Danach erklärt mir Carlos, was der Junge bereits auf dem Kriminalitätskonto hat, dass er „absolut gefährlich“ ist. Und dass er eigentlich davon ausgeht, eines Tages den Anruf zu bekommen, er sei getötet worden. Es wäre bei weitem nicht die erste Beerdigung, die Carlos für einen Mörder halten würde, der seinerseits Opfer eines Gewaltverbrechens wurde.

 

 

Carlos Luis ist seit fast 20 Jahren im Stadtteil, hauptberuflich Universitätsprofessor und Ausbilder in unserem Scholastikat. Und zusammen mit anderen Dehonianern in der Pfarrei San Miguel Arcángel engagiert. Er hat die Herz-Jesu-Priester bis in die ärmsten Bezirke des ohnehin armen Stadtteils gebracht. Arbeitet jede Woche im Gefängnis für Minderjährige. Und gibt auch den Kriminellen das Gefühl, sie mit offenen Armen zu empfangen. Er kennt die meisten ja mittlerweile von Kindesbeinen an. Tatsächlich habe ich an seiner Seite nie den Hauch von Angst, selbst wenn ich weiß, mit wem wir gerade freundlich sprechen. Bei einem weiteren Rundgang durchs Viertel sagt Carlos mir, wir müssten jetzt noch zur Firmgruppe gehen, sie würden schon auf uns warten. Dann gehen wir auf eine Gruppe von ca. 8 jungen Leuten zu, und je näher wir kommen, wird mir klarer, dass dies nicht die Firmgruppe sein kann. Auch hier begrüßt Carlos jeden geradezu überfreundlich, die Blicke der jungen Männer sind zum Teil unsicher und abweisend. Aber jeder gibt auch mir die Hand zum Gruß. Offensichtlich haben wir sie in einer ‚beruflichen Angelegenheit‘ gestört. Sie haben Bündel von Geld in der Hand, die Waffen haben sie schnell vor unserer Ankunft zwischen Rücken und Häuserwand geklemmt. Als wir von ihnen weggehen, kommen uns reihenweise Menschen mit Geldbündeln in der Hand entgegen, die zu unseren Freunden unterwegs sind, um Rechnungen zu begleichen. Regelmäßig rufen Malandros bei Carlos an, um mit ihm zu sprechen, meistens Jugendliche oder junge Männer. Dann erzählen sie oft von ihren letzten Überfällen oder gar Schlimmeren. Manchmal wollen sie ihm zeigen, wie sie ihre Verbrechen mit dem Smartphone aufgenommen haben. Carlos hat sich das nie angeschaut. Für ihn ist es schon fast unerträglich zu hören, was sie getan haben. Natürlich ermuntert er sie, einen anderen Weg einzuschlagen. Warum sie gerade ihm als Pater das alles erzählen? „Vielleicht weil sie ja doch spüren, dass es falsch ist, was sie tun. Und das müssen sie irgendwie loswerden“, meint Carlos. Ich glaube, sie kommen zu ihm, weil sie bei ihm glaubwürdig erfahren: Sie sind Kriminelle – aber sie sind nicht nur Kriminelle. Erinnerung an eine Würde, an die sie selbst wohl nicht mehr glauben, und nach der sie sich doch sehnen.

Das internationale Ausbildungshaus in Caracas

Unser Ausbildungshaus liegt also mitten im Stadtteil Cementerio, zum Haus gehören die Räume der Pfarrei San Miguel Arcángel, die Pfarrkirche und der Centro Medico, in dem Menschen für wenig Geld Arztbesuche und ambulante Eingriffe in zahlreichen medizinischen Disziplinen machen können. Das Ausbildungssystem ist, wie in weiten Teilen der Kongregation, anders als in Deutschland strukturiert. Postulantat und Philosophiestudenten sind in einem anderen Haus in Caracas untergebracht, danach folgt das Noviziat – momentan noch in Spanien – und dann das Theologiestudium. Momentan sind hier im Haus Marco, César, Yunior, junge Mitbrüder aus Venezuela, Erick und Rafael aus Brasilien, Kigan und Josh aus Indien sowie José aus Argentinien, die ihr Theologiestudium an der Theologischen Fakultät ITER der Ordensleute absolvieren. Carlos Luis ist Ausbildungsleiter, Hausökonom, Provinzrat, Professor für Altes Testament – und reichlich gefragter Referent für diverse Fortbildungsveranstaltungen in unserer Kongregation sowie für viele andere Ordensgemeinschaften. Dass dies offensichtlich zu viele Aufgaben sind, ist auch ihm klar – und nicht nur ihm: Seit einigen Monaten lebt auch der Regionalobere Alejandro  in der Ausbildungskommunität – wenn er nicht in der Region unterwegs ist. Die anderen Länder Lateinamerikas stehen zwar offiziell hinter dem internationalen Ausbildungsprojekt – nur Ausbilder hat bisher kein Land nach Venezuela geschickt.


Auch aufgrund der Personalsituation bleibt gar keine andere Möglichkeit, als den jungen Mitbrüdern viel Verantwortung für einzelne Aspekte des Kommunitätsleben zu übertragen: Der Einkauf wird wechselweise von den Theologiestudierenden übernommen, ebenso die Küche zum Frühstück, zum Abendessen und komplett an Wochenenden. Die Zusammensetzung der internationalen Ausbildungskommunität bewirkt, dass keine Nation das absolute Sagen hat. Das ist vielleicht einer der wesentlichen Unterschiede zu anderen Ausbildungshäusern: Die Mitbrüder aus anderen Ländern sind nicht lediglich Gäste, sondern prägen das Profil der Kommunität und der Ausbildung entscheidend mit. Gebetszeiten werden regelmäßig mit Lesungen und Liedern in den Sprachen der Mitbrüder gefeiert, auch der Küche merkt man die Internationalität an. Die wesentlichen kulturellen Unterschiede sind natürlich in der Kürze der Zeit nicht so deutlich zu spüren: Wie werden Beziehungen gestaltet, wie wird der eigene Glaube gelebt, Umgang mit Autorität, mit Konflikten etc. Klar, dass die Situation des Landes Venezuela viele Auswirkungen auch auf den Ausbildungsprozess hat: Zum einen kommen immer wieder mal Unsicherheiten und auch Ängste auf und die Frage, ob es nicht doch besser wäre, die Ausbildung woanders weiter zu führen. Zum anderen erleben die Mitbrüder einen Ausbildungskontext, der sie auf ganz andere Weise reifen lässt: Sei es durch die Hausorganisation, sei es durch die pastoralen Einsätze im Stadtteil und in Gefängnissen, sei es durch die unmittelbare Nähe zur Alltagssituation aller Bewohner des Stadtteils. In den Gesprächen wird deutlich, dass sich ihr Blick auf die Ausbildungsformate in ihren Heimatländern deutlich geändert hat. Für Kigan und Josh wäre es momentan schwierig, einfach in die indische Ausbildung zurück zu wechseln. Erik und Rafael wundern sich mittlerweile über manche Klagen der jungen Mitbrüder im Ausbildungshaus in Taubaté in Brasilien – manches relativiert sich.

Jede Woche sind sie mit in die Pastoral in der Pfarrei eingebunden. Vor 14 Jahren begann Carlos Luis, in eine Barackensiedlung mit Namen El Cerro am Rande der Pfarrei zu gehen. Er fand Familien, die ihre Häuser für Katechese und andere Treffen öffneten. Vor zwei Jahren dann hat er die jungen Mitbrüder aufgefordert, jeden Samstag an verschiedenen Orten dieser Siedlung mit Jugendgruppen zu arbeiten, jeweils zusammen mit Katecheten aus der Pfarrei. Nicht alle waren anfänglich begeistert, im Gegenteil: Angst spielte eine große Rolle. Schließlich war die Siedlung nicht nur für ihre Armut, sondern auch für die Dominanz von Banden bekannt. Mittlerweile wissen die Mitbrüder: Die Menschen lieben sie – und brauchen sie. Denn nur wenige Bewohner der Siedlung den Weg auf sich, vom Hügel runter zur Pfarrkirche und ihren Räumlichkeiten zu gehen. Bei meinem Gang zusammen mit Carlos Luis durch die Siedlung werden wir immer wieder angehalten, aufgefordert kurz ins Haus zu kommen. „Bendición“ – „Segen“ ist das Begrüßungwort, auf das die Patres und Fratres mit einem kurzen Segenswort antworten, bevor dann das eigentliche Gespräch beginnt.

Auch im hiesigen Jugendgefängnis ist Carlos Luis zusammen mit den Auszubildenden tätig. Für Einzelgespräche und für Gruppentreffen. An Weihnachten haben unsere jungen Mitbrüder im Gefängnis eine Art Weihnachtsfeier gestaltet, mit Musik, mit Spielen, mit kurzen Texten. Das hat tiefen Eindruck hinterlassen, sowohl bei den jugendlichen Inhaftierten als auch bei der Gefängnisleitung. Diese ist nicht grundsätzlich dem kirchlichen Engagement gegenüber positiv eingestellt. Nun aber sind die Türen endgültig für die Dehonianer geöffnet.

Dehon lesen – ein Workshop, ein Experiment 

Der mehrtägige Workshop ist ein Experiment. Die Anfrage an mich war, direkt mit kompletten Texten Dehons zu arbeiten. „Damit die jungen Leute die Angst vor Dehon’s Texten verlieren“, sagt Carlos Luis. Etliche Mitbrüder kennen lediglich einige schöne, ausgewählte und kurze Dehon-Zitate. In der Tat sind die Texte des Ordensgründers, mit ihren Inhalten und Sprachstilen in einer uns fremden Zeit und Kultur entstanden, nicht einfach zugänglich. Schon gar nicht für Nicht-Europäer. Vielleicht mit ein Grund dafür, dass nach anfänglicher Begeisterung für Dehon im Noviziat später vom Ordensgründer nicht wirklich genug bleibt, um die eigene Lebensweise als dehonianischer Ordensmann tatsächlich und nachhaltig zu inspirieren.

Dehon als Erzieher, Dehon als politischer und sozialer Aktivist, Dehon als geistlicher Autor – das sind die einzelnen Etappen des Seminars. Jeweils mit kurzen Einführungen zu den Texten. Entscheidend scheint jedoch zu sein, dass es dann Fragen und Aufgaben gibt, die sowohl der Texteigenart als auch der Situation der jungen Mitbrüder entsprechen. So nähern wir uns dem Jugendwerk Sankt Joseph (nicht der Schule Saint Jean) über einen mehrseitigen Bericht aus dem Jahre 1875. Im Anschluss daran entwerfen die Mitbrüder eine Bauskizze dieses sehr umfassenden Projektes für jugendliche Arbeiter mit seinen zahlreichen Facetten. Immerhin kam das Projekt, eine Art Jugendheim, täglich geöffnet mit Bildungsmöglichkeiten, Spiel- und Sportgelegenheiten, Katechese und Messfeier etc auf eine sonntägliche Teilnehmerzahl von über 200 Jugendlichen. Sehr kreative Entwürfe entstehen beim Arbeiten der jungen Mitbrüder, an die sich die Frage anschließt, welche pädagogischen Prioritäten Dehons sich an diesem Werk ablesen lassen. Oder aber wir nehmen eine vielseitige Rede von Dehon über „Die soziale Aktion des Priesters und der Kirche“ und suchen im Text nach Dehons Begründungen für die Notwendigkeit einer solchen Aktion. Bei den geistlichen Schriften, die wohl schwierigste Textgattung bei Dehon, entscheide ich mich dafür, dass der erste Schritt eine angeleitete Meditation mit dem Meditationstext von Dehon hilfreich sein kann. Die Tage vergehen schnell. Die Mitbrüder machen gut mit, tun sich mit Texten schwer, die vielleicht doch mehr Kontextwissen verlangen. Doch sie zeigen in ihren Diskussionsbeiträgen oder in ihren Arbeitsergebnissen, dass sie dran sind an Dehon. Ein Experiment, zweifellos ausbaufähig, aber eine sehr reichhaltige Erfahrung für alle Beteiligten.

 

Schlange stehen – für Brot

Zu sagen, die Wirtschaft Venezuelas liegt am Boden, ist untertrieben. Denn die Wirklichkeit zeigt jede Woche: Es geht noch schlimmer. Vielleicht der eindeutigste Beleg für die Wirtschaftskrise: Die Menschen werden noch schlanker, dünner. Die Inflation lag 2016 bei ca. 800%, für 2017 werden 1000 bis 2500% vorausgesagt. Es macht eigentlich keinen Sinn mehr, Geldscheine in die Hand zu nehmen. Die Kollektenkörbe im Sonntagsgottesdienst sind randvoll mit Scheinen: so kommt ein Korb voll vielleicht gerade einmal auf 1 oder 2 Euro. Der Verfall des Erdölpreises trifft Venezuela hart. Seit Jahrzehnten hat sich das Land derart auf seine Erdölressourcen verlassen, dass jeglicher anderer Wirtschaftszweig vernachlässigt wurde. Vom alltäglichen Lebensbedarf wird kaum noch etwas im Land produziert. Die Zwangsenteignungen der Regierung zum Beispiel im Bereich der Landwirtschaft haben dazu geführt, dass kaum noch etwas auf dem Land produziert wird. Die Folge: Jeden Tag lange Schlangen vor Geschäften, von denen es heißt, es seien Grundnahrungsmittel für den von der Regierung garantierten Preis eingetroffen, Brot, Reis etc. Rafael aus Brasilien sagt sarkastisch: „Mittlerweile ist es fast zur Manie geworden: Kaum bleibt jemand vor einem Geschäft stehen, schon entsteht eine Schlange – man weiß ja nie...“ Aber nicht nur Grundnahrungsmittel fehlen, die Gesundheitsversorgung leidet extrem unter Medikamentenmangel, auch Material für Operationen und Röntgenaufnahmen ist oft nicht mehr vorhanden. Wer immer aus Europa anreist, muss für Freunde und Familie dringend benötigte Medikamente mitbringen – soweit dies erlaubt ist. Caritas Spanien hatte sich angeboten, den Medikamentenengpass mit Hilfslieferungen auszugleichen. Die Regierung Venezuelas lehnte ab – man sei nicht darauf angewiesen. Jeder weiß, dass die Realität anders aussieht: Bei einem Besuch im Haus der Eltern von Carlos Enrique erzählen uns die beiden ganz konkret, was es heißt, dass bestimmte Therapien oder Operationen einfach nicht gemacht werden können, weil es an Medikamente und Instrumenten fehlt.


Vor wenigen Tagen kam die nächste Hiobsnachricht – auch für uns: Präsident Maduro hat angekündigt, dass der garantierte Mindestlohn um 50% erhöht wird. Um den Menschen vorzugaukeln, sie hätten auf einmal mehr Kaufkraft. Was das für uns bedeutet: Die Angestellten in den Gesundheitszentren, die Mitarbeiterin im Pfarrsekretariat, die Köchin, alle bekommen auf einen Schlag 50% mehr Gehalt. Aber woher sollen wir die nehmen? Die Einnahmen steigen ja nicht gleichzeitig um 50%! Sorgenfalten bilden sich auf Alejandros‘ Stirn: „Wir mussten ja bereits Personal wegen der schlechten Wirtschaftslage entlassen oder deren Arbeit reduzieren“, erklärt der Regionalobere. „Wie wir das jetzt auch noch schultern sollen ohne Entlassungen ist mir schleierhaft...“ Nebenan führt Carlos Luis ein Telefonat mit einem Bekannten, ein junger Mann, der sich ein kleines Handwerksunternehmen mit 6 bis 8 Angestellten aufgebaut hat. Er ist verzweifelt: „Padre, was soll ich machen? Ich muss alle Mitarbeiter entlassen und das Unternehmen verkaufen. Ich kann einfach nicht 50% mehr an Lohn bezahlen.“ So gehen mit einem Präsidentenerlass reihenweise Existenzen in den Ruin.

Friedhofsbesuch – Am Hofe der Malandros

In einer Mittagspause gehen Carlos Luis und ich zum Namensgeber unseres Stadtteils in Caracas – dem riesigen Friedhof. Verwahrlosung und Vandalismus-Spuren überall. Etliche Grabplatten oder Grabeingänge sind aufgebrochen. Knochen von Verstorbenen werden von vielen Menschen magische Kräfte zugeschrieben. Der Friedhof ist alles andere als eine Ruhestätte.

Schließlich kommen wir an den „Hof der Malandros“ – eine größere Grabanlage, an der rund um die Uhr der verstorbenen Verbrecher gedacht wird. Viele von ihnen sind mit Porzellanfiguren dargestellt, bunt – und alle mit Porzellanzigaretten und Pistolen versehen, eine Art realistische Darstellung. Ein Kult hat sich gebildet, es gibt eine Art Ehrenwache. Als wir uns der Grabanlage nähern, bemerkt Carlos Luis, dass er – keine wirkliche Überraschung mehr – die zwei jungen Männer kennt, die momentan, mitten in der Grabanlage sitzend, Wache halten. Sie kauen währenddessen fortwährend Tabak oder ähnliches, spucken die Reste immer wieder in einen kleinen Becher. Sie können zu jeder der Figuren die Geschichte erzählen. Man mag den Kopf schütteln, es ist schwer zu verstehen, dass Kriminelle noch über den Tod hinaus verehrt werden. Eine kleine Familie, Ehepaar und Kleinkind kommen vorbei, legen sich die Kopfbedeckung zu, die ihre Zugehörigkeit zum Clan anzeigt – und verweilen kurz an der Grabesstätte.

Einige Gräber weiter steht ein Baum, voll behängt mit allerlei kleinen Fabrikaten, die in der Regel Häuser aus Porzellan, aus Stein, aus Holz darstellen – unzählige. Hier liegt ein erfolgreicher Bauunternehmer begraben. Warum auch immer, die Menschen kommen und bitten und beten um erfolgreiche Bauprojekte. Und verleihen den Bitten Ausdruck durch die kleinen Modelle ihrer großen Träume.

So gibt es auf diesem Friedhof eine Unzahl von Religiositäten, die nebeneinander existieren. Jetzt, in der Mittagszeit, sind wenige Menschen unterwegs. In der Nacht wird sich das ändern. Etliche Menschen kommen, um eine Nacht auf dem Friedhof, bei geliebten oder verehrten Menschen zu verbringen – oder eben um Gräber aufzubrechen, Metallumzäunungen zu stehlen. Auch hier haben die Malandros das sagen: Wer ihnen nicht bekannt ist, sollte die Nacht lieber nicht auf dem Friedhof verbringen.

Weiter zu Teil 2 des Reiseberichts.

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